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(nachträglich editiert am 14.04.2020 um 12:11 Uhr)

Moin moin,

auch wenn das Event nunmehr mehr als 9 Montae zurückliegt, möchte ich allen die nicht auf der Crawler City Facebookseite unterwegs sind einen kleinen Einblick in die AsLarp Reihe geben. Geschrieben sind die Geschehnisse aus der Sicht meines Chrakters: Bruder Samuel.

Anbei möchte ich dieses mit viel Liebe zum Detail gestaltete Event jedem ans Herz legen der auch nur ansatzweise Spass am Larp hat. Hier ist einfach alles stimmig und durchdacht, und am letzten Tag möchte man eigentlich einfach weitermachen.

 

Jetzt aber: Viel Spass beim lesen!

 

 

Tag 1

Ich schlage die Augen auf und es herrscht Finsternis. Der kleine Verschlag in dem ich liege wird auch mitten am Tag durch nichts erleuchtet, Glauben hin oder her. Aber diesmal ist es Nachts und schiesslich merke ich warum ich wach bin. Das Bein, mein verdammtes Bein. Sicher, es ist noch nicht abgefallen aber seit dem Vorfall mit dem Doc eitert es fröhlich vor sich hin. Mal mehr, mal weniger. Viel dran ist nicht mehr - die rostige Schiene die ich seit langem brauche liegt neben meinem Lager und scheint mich anzugrinsen. Aber in der Finsterniss sehe ich all das nicht. Aber ich kann es riechen, und ich glaube keinen Unterschied zu all dem Elend da draussen mehr im Geruch zu erkennen.
 
Der Doc liegt auf der anderen Seite des Verschlages, er schläft tief und fest. Ich betrachte Ihn nachdenklich - er ist wahrlich kein Heiliger, nicht einmal ein guter Mann. Aber er hat den Tod von mir genommen und dafür bin ich dankbar. Meistens jedenfalls. Ich kenne seine Vergangenheit nicht, und er meine ebensowenig. Ich frage nicht, er erzählt nicht.
 
Wir teilen uns das kleine Stück Privatssphäre wie so vieles seit er mich wieder zusammengeflickt hat. Geheilt wäre das falsche Wort. Eine ganze Weile sind wir nun schon hier, im Unterschlupf der Paltrys. Wir waren erst geduldet und mit der Zeit sogar wichtig geworden für die kleine Bande. Der Doc nimmt Schmerzen und ich versorge das was der Doc nicht mehr vermag. Wer trotz allem noch an etwas glaubt, dem ist mit den richtigen Worten schnell zu helfen. Und in dieser Welt kann man an alles glauben, den Herrn, an das Serum hier, seiner eigenen Waffe, an Gerechtigkeit die man mit der Lupe suchen muss... selbst an Dirt, dem "Gott" Crawler Citys. Aber egal an was man glaubt, man muss es erst finden und schlussendlich akzeptieren.
 
Es kommt Leben in unserem Unterschlupf, eine Ratte läuft durch unseren Verschlag. Ich greife daneben, verdammt! Viele Tiere sieht man hier nicht mehr, muss an der Nähe zum alten Forschungszentrum hier liegen. Ratte zum Frühstück gabs schon länger nicht mehr - Egal. Mitten in der brüchigen Baracke zündet einer ein Feuer an, denkt einfach nicht nach. Denkt nicht an die Hitze da draussen und die trockenen Bretter um uns herum. Aber denken ist hier nur noch wenigen vergönnt. Die, die hier denken werden verrückt. Die meisten, nicht alle.
 
Heinrich - Anführer der Paltrys
 
Da ist Heinrich, derzeitiger Anführer der Paltrys. Hat trotz alledem einen einigermaßen kühlen Kopf bewahrt und trifft öfter als die anderen richtige Entscheidungen, sieht aber auch am schlimmsten aus. Muss wohl am ständigen Konflikt mit Dirt liegen. Seine rechte Hand ist auch im Lager, Moskito heisst er wohl aber den Namen konnt ich mir noch nie merken. Bei mir heist er einfach Franco, die Ähnlichkeit mit dem Schauspieler ist verblüffend. Obwohl der sicherlich auch schon tot ist. Der Glückliche. Naja, jedenfalls ist Franco nicht mit soviel Gehirnschmalz gesegnet. Hält ihn aber nicht davon ab die anderen Paltrys in manch eine verfahrene Situation zu bringen. Bislang sind da alle lebendig wieder rausgekommen, dem Doc sei Dank. Ach ja richtig, der Doc. Auch einer der noch denken kann. Ich habe das Gefühl diese Zeiten sind sein persönliches Paradies, er schneidet gerne. Und oft. Auch einige Sachen die früher einmal als falsch galten - jetzt ist es wohl ok und der Doc kennt bei einigen Sachen kaum Grenzen.
 
Aber der Rest... wir haben einen eigenen Russen. Groß, stark und impulsiv. Möchte immer gern zur Jagd, ich frage mich was er da jagen möchte - wahrscheinlich diese Nomads. Spazieren hier durch die Gegend mit allem was sie haben. Ohne Ziel und immer am Rand des eigenen Verderbens. Naja der Russe ist immerhin nützlich, er schiesst, er trifft und er tut meistens das was ihm gesagt wird. Das ist viel wert in diesen Zeiten. Da ist noch dieses Ehepaaar, hat wohl die Kinder verloren. Sehr wortkarg beide, zielstrebig und ernst. Trotzdem denke ich das die nicht mehr lange machen werden.
 
Ich selbst bin wahrscheinlich eher ein Verrückter. Jedenfalls wurde ich vor meiner Ankunft oft so gescholten. An welchen Gott ich glaube fragte man mich. Welchem Gott es wohl gefällt alles hier zugrunde gehen zu lassen. Die Alten, die Frauen und die Kinder. Seltsam, die Männer kommen nie in solchen Aufzählungen vor. Dabei erwischt es hier alle, Menschen und Tiere. Wenn es nicht die Seuche ist, dann etwas anderes. Menschen werden zu Monstern, das habe ich gelernt - schon vor dem jüngsten Tag.
 
Den Glauben an den einen Gott habe ich vor langem verloren. Aber das weiss hier keiner. Statt dessen glaube ich an den Herrn - einem den ich mir von Zeit zu Zeit neu aussuchen kann. Einem, der mir meine eigene Daseinsberechtigung gibt wenn ich selbst keine mehr sehen möchte. So wie in den Städten durch die ich zwischen aufgetürmten Fleischbergen wanderte. Wie in den Dörfern in dem die Überlebenden aus Not oder aus purer Bosheit schreckliche Dinge taten. Wie bei dieser Familie die mich aufnahm obwohl das letztendlich ihr Verderben war. Und so wie damals im Dreck wo ich halb tot geprügelt lag, das Bein zertrümmert. Keiner wollte hören, das es in Wirklichkeit die Lebenden sind die gestraft wurden - nicht all die Toten hier.
 
Und ich glaube nicht mehr das ich ein guter Mensch war. Spätestens jetzt bin ich es nicht mehr. Nicht hier. Hier bin ich nur der Priester und mein Herr hat mir eine Aufgabe gegeben.
 
Der Kaffee heute früh schmeckt scheusslich, keine Ahnung was es Heinrich wieder gekostet hat das Zeug zu besorgen. Wert war es das bestimmt nicht. Das Frühstück fällt aus und eine Ratte mehr darf weiterleben. Der Doc und ich wandern heute in die Kolonie, vielleicht können wir dort etwas abgreifen. Die selbe Kolonie die uns nicht aufnehmen wollte, zu abgerissen waren wir wohl. Dirt möchte keine Streuner in seinem Königreich, und wir gingen damals wieder. Am heutigen Morgen jedenfalls ist sie bei unserer Ankunft wie ausgestorben. Wir haben keine Waffen dabei, aber selbst wenn was wollten wir damit erreichen? Die Kolonie unterhält seine eigenen Söldner, die Saviors. Notorisch schlecht gelaunte Cowboys, schneller Abzugsfinger mit viel Munition und noch mehr Luft in den Köpfen. Gewährleisten den Schutz der Kolonie, rücken aus wenn es wieder Ärger gibt. Meistens mit uns, ab und zu mit den Nomads. Noch unangenehmer ist Dirts interner Sicherheitsdienst, nehmen jeden aufs Korn der nach Crawler City marschiert. "Gehe niemals mit denen alleine mit" hatte Heinrich uns eingeschärft. Es verschwinden Menschen in der Kolonie. Anscheinend nicht wenige, aber immer unbequeme.
 
Wir betreten die Schleuse und der Eindruck bleibt: Keiner da. Wir könnten Tonnen an illigalem Scheiss hier reinschleppen, jetzt tun wir das nur mit uns selbst. Wir sind sowiso schon illigal genug.
 
Spärliches Licht empfängt uns in der Kolonie. Der Strom hier wird durch eine vorsintflutliche Verbrennungsanlage geliefert, ständig flackert es. Für kleines Geld darf man hier den brennbaren Schrott zusammenklauben und dem ewig hungrigen Maul des Generators wieder feilbieten. Eher fallen mir die Hände ab als den Scheiss hier anzufassen. Viel von dieser Schäring Firma liegt hier rum, da ist wer weiss was dran. Und alles hier kostet etwas: Geld, Nerven und Gefallen. Wer nichts hat, muss raus und dann stirbt man. Die Kolonie gibt vielleicht Schutz, nimmt im Gegenzug aber alles. An der Wand Zettel, ein gewisser Lutz von Bülow sorgt dafür das diese Zettelwand immer voll ist. Neben dem Müllsammeln gibt es praktisch alles, mit dem man seine Seele verlieren und ein paar Crawler verdienen kann: Eingangsbewachung, Feldsanitäter für die Trupps die draussen alles nützliche besorgen, selbst die Dekontamination einzelner Gebiete scheint hier wie eine Einladung zum eigenen Begräbnis.
 
Und es riecht hier.
 
Der Doc schleicht dem Geruch nach und wir kommen an der Kantine mit großen Töpfen voller Gulasch vorbei bis wir beide vor der Krankenstation stehen. Der Bereich wird bewacht und zwischen dem breiten Kreuz des armen Idioten, der für ein paar Crawler ziemlich schnell ein Messer zwischen die Rippen kriegen kann, kann ich Leichensäcke sehen. Volle Säcke von denen der Gestank ausgeht. Ich blicke zurück zur Kantine, der Koch und seine Frau lächeln mir zu und ich sehe den Gulasch mit anderen Augen.
 
Leichensäcke
 
In der Krankenstation gibt es Pulnomen - das Serum, das Allheilmittel für ca. 6 Stunden Leben ohne Pein. Deswegen die Wache. Jeder hier muss das Zeug nehmen, sonst bricht die Seuche aus und verwandelt deinen Kopf in Matsch. Komisch, bevor der Doc und ich hierher kamen brauchten wir sowas nicht. Jetzt aber schon, hat vielleicht mit der Schäring Firma hier zu tun. Das schlimme daran ist, keiner weiss ob er wieder hier weg kann ohne dieses Gift weiterhin nehmen zu müssen. Schliesslich sind wir an diesen Ort gefesselt, "keine Immunität" heisst es. Vielleicht gibt es mal eine Lösung aber bis jetzt ist dies nur der eigene Tod. Die Paltrys liefern für die Kolonie eine Substanz die dieses Pulnomen effektiver macht, so sagte mir das jedenfalls der Doc. Das ist wohl der einzige Grund warum wir hier geduldet werden. Allerdings... Hunde duldet man auch, nur behandelt man die besser als uns.
 
Die Krankenstation wird durch Dr. Krüger geleitet, den anscheinend einzigen Wissenschaftler in der Kolonie. Er scheint nicht ganz freiwillig hier zu sein, ist sehr nervös und wohl froh abgeriegelt in diesem kleinen abgeschotteten Refugium zu sein. Der Doc wechselt ein paar Worte mit ihm und schnell steht fest das beide eine stille Übereinkunft getroffen haben. Jedenfalls nimmt der Doc kurzfristig seine Stelle ein und verteilt gegen Crawler das Serum an die, die es benötigen. Ein Priester an dem Ort, wo der Tod am ehesten lauert ist diesmal nicht gewünscht und so setze ich mich auf den langen Flur vor der Krankenstation und studiere die Zettel die mir gegenüber an der Wand hängen. Koloniebewohner eilen an mir vorbei, Richtung Krankenstation, Richtung Kantine, Richtung irgendwo und einer wirft mir zehn Crawler hin. Als ob ich das nötig habe denke ich noch und doch ist die kleine Münze in einer meiner kleinen Ledertaschen verschwunden. Geld verdienen nur durchs da sein, da lässt sich bestimmt noch was machen. Für das Pulnomen brauche ich das nicht, Heinrich sorgt für die Bezahlung aus der Gemeinschaftskasse der Paltrys. Aber ein Paltry muss etwas für die Gemeinschaft beitragen und Geld ist da immer gerne gesehen. Wer nichts beiträgt endet vielleicht wie der Typ an unserem Eingangstor: Schild um den Hals, Axt in den Torso und sehr sehr tot. Hoffentlich nimmt den mal einer ab, auch er fängt an zu riechen.
 
Schliesslich nimmt Dr. Krüger wieder seinen Platz ein und ich ziehe mit dem Doc weiter durch die Kolonie, am Waffenhändler vorbei bis in die Bratwa Bar. Früher hätte man sie als Ort der Sünde bezeichnet, heute ist hier alles Sünde und so nimmt keiner Anstoß an den beiden Mädchen die gegen Geld ein bisschen von sich selbst geben. Manchmal auch ein bisschen mehr, das wird dann aber oft ein Fall für die Krankenstation. Hier haben Russen das Sagen, Glückspiel ist hier an der Tagesordnung und die Bar ist gut bestückt. Woher das Zeug komme frage ich und der Barkeeper der sich als Artjom vorstellt erzählt mir was von verschütteten Supermärkten die nicht geplündert wären. Wie lange die gute Versorgung anhält weiss er aber auch nicht und so verlasse ich den Tresen und wende mich einem voll besetzen Tisch zu. Heinrich sitzt im einzigen Sessel wie ein König und einige Paltrys sind drumherum plaziert. Getränke und Anderes werden rumgereicht. Ich habe den Eindruck die Russen in der Kolonie können mehr mit uns anfangen als mit den eigentlichen Kolonisten hier. Einer von den Russen hier erregt viel Aufmerksamkeit, ist stark tätowiert und wenn er was sagt kuschen die anderen. Dieser hier war auch schon in unserer Paltrybar, verschwand aber ziemlich schnell nachdem er mit Franco ein paar Worte getauscht hatte. Und ausgerechnet dieser Russe kommt zu mir und fragt ob ich ein Heiliger Mann sei. Er hat meinen weissen Kragen bemerkt und so antworte ich mit einem leichten Lächeln das Selbstsicherheit ausdrücken soll das ich ein Priester bin. Er grinst zurück und sagt er möchte das ich eine Messe halte und wenn nicht das, ob ich wenigstens seine Beichte abnehmen könne. Und wenn nicht hier und jetzt, dann jedenfalls in naher Zukunft. Kriegen wir hin meine ich und er dreht sich um und geht. Vorher jedoch schmeisst er eine Bemerkung in die Runde und ich bin bei allen Russen jetzt wohl der Priester. Wird mir bestimmt noch mal helfen denke ich und wende mich dem Doc zu. Gemeinsam verlassen wir die Kolonie und gehen zu unserer Unterkunft, der Paltry Bar. Später erfahre ich wer der Russe war und mir wird ganz anders: Dima, Dirts persönlicher Leibwächter, möchte seine Sünden bei mir lassen - das kann dauern denke ich noch so bei mir.
 
Es ist Nachmittag und es gehen Gerüchte die Runde das neben den Nomads auch andere, Unbekannte, hier herumstreifen. Gut bewaffnet und äusserst geübt darin kein Aufsehen zu erregen. Klingt nach Militär, nicht das normale sondern eher Spezialisten. Ob das alles wahr ist weiss natürlich keiner, aber Gerüchte entstehen normalerweise nicht ohne Grund. Mein Lebensretter setzt sich eine Infusion, zieht sich sein eigenes Blut rein. Immer wenn er das tut wird sein Blick glasig und er driftet weg, wer weiss was er sich da immer reinpanscht. Aber der Doc braucht das wohl und ich kenne ihn gut genug und lasse ihn da wo er sich niedergelassen hat. In der Paltrybar richte ich eine kleine Ecke für mich ein, in der mich Leute um Rat fragen können. Da taucht ein Nomad in der Bar auf und will Geld verdienen, fragt rum und kommt schliesslich zu mir. Ob er was für mich besorgen könnte fragt er. Hier aber habe ich alles was ich brauche, und so wünsch ich mir eine einfache Kerze. Kerzen gibt es kaum noch, das behalte ich aber für mich und lasse Ihn mit seiner Aufgabe ziehen. Da fällt mir auf das unser Russe nicht mehr da ist und so Segne ich im stillen den Nomad ohne daran zu verdienen.
 
Die Kolonie erwartet erneut unseren Besuch, wir brauchen die nächste Portion Pulnomen und der Doc hat sich eine Schicht in der Krankenstation aufquatschen lassen. So schütten wir das billige Zeug aus unserer eigenen Bar hinunter, bewaffnen uns nun mit Handfeuerwaffen und ziehen erneut in Richtung Crawler City. Der Rest der Paltrys ist ebenfalls in die Kolonie gezogen, es gab wohl wieder großen Ärger mit Dirt. Wir beide halten uns da so gut es geht raus, aber ich befürchte das dies nicht mehr lange gut gehen wird - für keinen Paltry.
 
Diesmal ist die Eingangskontrolle anwesend und es fällt auf das hier alle ziemlich nervös sind. Soviel zu den Gerüchten. Die Knarren werden uns abgenommen, abfällige Sprüche über den Zustand der alten Dinger gibt es kostenlos dazu. Der Doc eilt in die Krankenstation. Ich helfe dort ebenfalls und lote meine Möglichkeiten aus ein bisschen Geld zu verdienen. Ein paar Segnungen später sieht meine Geldtasche schon besser aus, liege jedoch weit hinterm Doc zurück. Plötzlich wird es laut und es knallen Schüsse vor der Kolonie. Die Krankenstation füllt sich überraschend schnell und ehe ich mich versehe stehe ich mitten im Chaos. Schliesslich wende ich mich denen zu, die nicht mehr lange machen werden, nehme ihnen die Beichte ab und gebe hier und da die letzte Ölung. Ich gebe den Leuten stets was sie hören wollen, selbst das heilige Spaghettimonster im Bolognesesee wurde angebetet. Wie gesagt, glauben kann man hier an alles. Schliesslich verpasse ich vor lauter Eifer meine Pulnomen Einnahme und an die nächsten zwei Stunden kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich wache in einem Rollstuhl auf, finde ein weisses Pulver in meiner Brusttasche und blicke in die Gesichter vom Doc und diesem Wissenschaftler. Hat der Herr mich doch wieder nicht gehen lassen.
 
Der Doc bei der Arbeit
 
Nach all dem brauche ich was starkes und so strebe ich erneut zur Bratwa Bar. Vorher komme ich mit dem Waffenhändler ins Gespräch. Er nimmt wohl alles was er verwerten kann an und verkauft dafür Munition, Anbauteile und sogar ganze Waffen. Auch er scheint Russe zu sein, der Akzent verrät es. Er schimpft viel und wenn er das mal nicht tut ist er sehr kurz angebunden. Selbst dieser Dima ist vor seinen Schimpftiraden nicht sicher. Aber er macht Geschäfte aller Art und so merke ich mir das Gesicht und versuche ihn mir nicht als Feind zu machen. Ein paar Drinks später weiss ich wo das Pulver herkommt, was es macht und das im Gegenzug eine Messe erwartet wird. Aber nun ist es Abend und da wir nicht da schlafen wollen wo wir nicht erwünscht sind führen der Doc und ich diesen in der Paltry Bar fort. Der Doc hatte natürlich alle Hände voll zu tun und so leert er seine gut gefüllten Taschen mit dem verdienten Geld in den Gemeinschaftstopf an unserer Bar aus. Die nächsten Tage Pulnomen sind in jedem Fall gesichert.
 
Spät in der Nacht fallen wir in unser Lager, die Nachtwache schläft draussen angelehnt am Tor. Als ich die Beinschiene abnehme sind meine Hände nass und der Gestank verursacht mir mal wieder Übelkeit. Jeder normale Mensch wäre längst an so etwas wie Wundbrand gestorben, über mich hält der Herr allerdings seine schützende Hand. Oder er straft mich damit. Ich will meine Augen nicht schliessen, denn wenn ich schlafe bin ich wieder dort wo ich nicht sein möchte. Sehe Dinge die ich nicht sehen möchte und treffe wieder die Entscheidungen die ich nicht treffen möchte.
Ich sende ein kleines Gebet zum Herrn und ergebe mich dem unvermeidlichen. Ich schlafe, und schliesslich kommen die Träume.
 
 
 
Tag 2
 
Crawler City und der Doc
 
Ein neuer Tag, und wieder bin ich wach während es noch dunkel ist. Meine Vergangenheit lässt mich nicht gehen, und so sind die Nächte kurz für mich. Ist auch ganz gut so, je weniger ich zurückblicke desto einfacher ist mein Weg nach vorne. Ich bleibe diesmal aber liegen und denke über den Vorabend nach. Irgendwann spät, da kamen die Rotmützen erstmalig zu uns - ohne Waffen mit einem "Angebot". Welches weiß ich nicht, solche Dinge werden mit Heinrich besprochen. Der kleine Tross um den Anführer der Unbekannten hatte es sich gemütlich gemacht und so konnte man das ein oder andere Wort miteinander tauschen. Sie alle scheinen Immun zu sein, keiner hatte sich je infiziert mit der Scheisse die hier ein jeder mit sich herumträgt. Und ganz selbstlos wollen diese armen Tölpel die Demokratie zurückbringen, wenn ich das schon höre. Alle sollen bestimmen und die Mehrheit gewinnt. Das ist bei einer Gruppenvergewaltigung auch so denke ich bei mir - halte aber die Klappe. Irgendwann gingen sie und ich denke nun, am nächsten Morgen, das wird noch Ärger geben.
 
Schließlich weicht die Dunkelheit der Morgendämmerung und ich kleide mich wie immer an. Neben der Beinschiene noch die alte billige Soutane, zerrissen und schmutzig. Darüber noch ein Priesterhemd, in einem wenig besseren Zustand. Und schließlich der Fetzen den ich als Zirkulum missbrauche. Zum Schluss meinen weißen Priesterkragen der mir bislang mehr Schutz gab als alles andere zusammen. Wie einen Schild trage ich ihn, während ich das Wort als Waffe nutze. Meine verrostete Halbmaske mit Filter lege ich auch an, genau wie diverse kleine und große Taschen, schlussendlich meinen alten Umhang. Und so trete ich hinaus in die Sonne und bete zum Herrn das heute ein guter Tag wird.
 
Der Doc ist auch auf den Beinen und wir sind uns schnell einig: Heute wird ein bisschen Geld in der Kolonie gelassen. Ein gutes Frühstück wollen wir uns gönnen und danach in die Ödnis, schauen ob wir der Gemeinschaft was Gutes tun können. Unbemerkt bedienen wir uns am Gemeinschaftstopf der überraschend voll ist. Wir bewaffnen uns, die Pistolen in die Taschen und 2 alte Gewehre mit sehr wenig Munition. Alles russisch, Fundsachen aus der Zeit vor unserer Ankunft hier. Sicherlich gibt es besseres, aber das brauchen wir für gewöhnlich nicht.
 
Kurz bevor wir aufbrechen, fällt mir noch auf das die anderen Paltrys ebenfalls bewaffnet auftauchen. Und ich denke schon wieder an die Rotmützen vom Vortag. Irgendetwas geht da vor sich, doch Heinrich gibt sich bedeckt. So also ziehen der Doc und ich los, alleine wie immer und wie wir es gewohnt sind. So richtig dazugehören wir wohl immer noch nicht.
 
Crawler City, dieser große graue Klotz, liegt mal wieder vor uns. Diesmal ist einiges los am Eingang der Kolonie. Die Wachmannschaft ist in voller Stärke anwesend und alle sind nervös. Weiter hinten kann ich die Saviors erkennen, scheinen kurz vorm ausrücken zu sein.
 
Bevor wir die Dekontaminationsschleuse betreten können, treffen wir jedoch schon auf Dr. Krüger. Sieht scheisse aus, denk ich so bei mir, hat nicht geschlafen. Ich glaube das die Entscheidungen die Ihn hierherbrachten nicht die besten waren und so wie ich das jetzt einschätze sind die letzten auch gar nicht mehr seine eigenen gewesen. Diesen gehetzten Blick habe ich schon oft sehen müssen, und bei keinem ging es bislang gut aus.
 
Schließlich betreten wir die Kolonie, ohne Waffen und mit "besseren Duft" als vorher, so die hämischen Kommentare der einfältigen Männer der Wachmannschaft. Doch der Herr wird sie alle gleich behandeln, und so hege ich keinen Groll gegen sie. Bevor wir die Kantine ansteuern bemerkt der Doc, dass die Apotheke nicht besetzt ist. Dank seiner Reputation vom Vortag und der Redegewandtheit die er schon immer an den Tag legte lässt uns die Wache auch durch und während sich Dr. Krüger draußen vor der Kolonie herumtreibt, verdient der Doc schon wieder sein erstes Geld mit dem Verkauf vom Serum - weit vor den Öffnungszeiten der Krankenstation und deswegen auch mit einem gehörigen Aufschlag. Nein der Doc ist kein guter Mensch, aber gut kommt hier nicht weit.
 
Schließlich bricht er ab und wir schlagen uns die Bäuche voll, mit dem extra Geld ist sogar richtiges Brot drin. Nicht diese breiige Pampe von der keiner weiß woraus sie besteht. Immerhin ist von hier aus der Durchgang zur Krankenstation nicht zu sehen. Keine Tür, keine Wache und auch keine Leichensäcke. Mir schmeckt mein Frühstück, selbst einen guten Kaffee kriegen wir hier. Langsam trinken wir, jeden Schluck kosten wir aus. Ich weiß immer noch nicht wieso die Kolonie eine derartige Versorgung an Konsumgütern hat. Aber sie sind da und wir genießen den Augenblick bevor wir wieder nach draußen treten und uns auf den Weg in die Wildnis machen - grob Richtung Schäring Gelände. Die Wachen geben uns unsere Waffen zurück, es fehlen einige Schuss Munition aber das ist wohl der Preis den man hier am Einlass abgibt. Munition, Würde, Freiheit und manchmal auch mehr.
 
Kaum ist Crawler City unserem Blick entschwunden, legt sich eine bedrückende Stille über allem hier. Man hört kaum Vögel und wir kommen unserem Ziel, eine alte Heizungsanlage, näher. Wir gehen abseits der Wege und damit abseits der Gefahr vor einem Überfall, denn das haben wir sehr schnell gelernt. Wir sind uns uneinig denn in Richtung Osnabrück ist viel zu erbeuten, aber in letzter Zeit fallen dort vermehrt Schüsse. Deswegen lieber in die kontaminierten Gebiete, vielleicht gibt es dort etwas Lohnendes zu finden. Der Tod wäre davon eine Sache doch wir haben Regeln um dort lebend rein und wieder raus zu kommen.
 
...unterwegs
 
Erste Regel: Fasse nichts an was Du nicht kennst.
 
Zweite Regel: Riecht es seltsam, Maske auf! Möglichst bevor man umkippt.
 
Dritte Regel: Hier gibt es keine Freunde.
 
Wir bewegen uns durch ein größeres Waldstück bevor wir auf eine Lichtung kommen die schließlich in eine Straße mündet. Uns gegenüber liegt das halb eingefallene, große Heizkraftwerk das die Labore der Schäring AG versorgt hat. Dem Herrn sei Dank sind die aber weit weg von uns, unterirdische Leitungen werden beide Komplexe wohl verbunden haben. Daran, dass auf diesem Wege vielleicht das ein oder andere vom Labor hierher gelangen kann, haben wir gedacht und so ziehen wir uns die Atemmasken auf und betreten nach kurzem Zögern die Anlage.
 
Wir stehen im Vorhof des Heizkraftwerks, ein großes Holztor im ersten Stockwerk hängt schief in den Angeln und wird vom Wind hin und her bewegt. Das Knarzen, unsere Schritte und unser Atem sind die einzigen Geräusche die wir hier hören. Die eingestürzten Mauerteile um uns herum und das fehlende Obergeschoss sagen mir, das hier nicht etwa die Natur Ihren Teil zurückholt. Nein, hier muss was explodiert sein - vielleicht eine Kesselanlage oder ähnliches. Auch Einschusslöcher sind zu erkennen aber die sind schon älter. So arbeiten wir uns durch die einzelnen Räume, schauen ob etwas zurückgelassen wurde das wir verwerten können. Hier waren schon einige Plünderer und doch finden wir mehrere Kleinigkeiten an denen der Waffenhändler in Crawler City durchaus Interesse zeigen könnte.
 
Am Wald, der ein wenig abseits der Anlage liegt, machen wir kurz Rast. Das Wetter ist gut und für einen kurzen Augenblick legt sich unsere Anspannung. Der Blick auf das Kraftwerk ist noch möglich und aus dem Augenwinkel bemerke ich eine Bewegung. Der Doc bemerkt meinen Blick, schaut mich an und stumm nicke ich in Richtung Gebäude. Schließlich ziehen wir uns weiter in das Unterholz zurück und beobachten, wie ein Nomad dort herumstreunert und auch auf der Suche nach lohnendem Zeug ist - natürlich ohne Maske. Wir gehen weiter in den Wald, weg vom Gebäude und weiter Richtung Niemandsland. Eine ganze Weile achten wir darauf ob uns einer folgt, aber der Nomad scheint uns nicht bemerkt zu haben und muss in eine andere Richtung weitergezogen sein. An einem kleinen Gebäude machen wir nochmal halt und begutachten das Innere. Als wir sehen das der Boden in den kleinen Raum nachgegeben hat und einen Keller erscheinen lässt rücken wir wieder ab. Wenn da drin einer verschwindet kommt er nie wieder zurück.
 
Irgendwann zieht es uns wieder in die Kolonie. Diesmal halten wir uns doch an eine der Hauptstraßen, kommen so schnell voran und landen bei einem kleinen provisorischen Friedhof. Viele der Gräber hier sind nicht alt und eines der Kreuze ist besonders groß. Ein Name wie jeder andere steht darauf denke ich und gebe dem Doc kurz zu verstehen das ich hier vorhabe ein paar Worte für die Verstorbenen zu lassen. Ich kann mir nicht vorstellen das sie eines zur Beerdigung bekommen haben und so gehe ich auf die Knie und spreche stumm die Zeilen meines Gebets. Kurz hinter den Friedhof bemerken wir jedoch eine kleine Grube, frisch ausgehoben mit einer großen Steinplatte in der Mitte. Fast wie ein Opferstein sage ich zum Doc und er nickt zustimmend. Den Ort merke ich mir, er scheint mir für meine Zukunft noch wichtig zu werden.
 
Mein Magen knurrt, die Stunden die wir hier draußen verbracht haben fordern ihren Tribut und so sind wir wieder in Crawler City angekommen. Der Empfang ist wie immer frostig und statt zur Kantine steuern wir den Waffenhändler an. Selbst in der Kolonie ist unsere kleine Beute nicht sicher, deswegen versuchen wir so schnell wie möglich bare Münze aus unserem Fund zu schlagen. Die Theke vor den provisorischen Holzwänden ist jedoch leer, drauf ein Schild mit: Bin weg, verpisst Euch! Sympathischer Dreckskerl. Der Doc und ich schauen uns an, zucken mit den Achseln und gehen die paar Schritte zur Bratwa Bar denn vor dem Hunger haben wir vor allem eines - Durst. Auf den Weg dorthin fällt mir das ein oder andere neue Plakat auf, voll mit Anti Paltry-Parolen. Und eine Ankündigung zu Dirts Geburtstag der in der Kolonie groß gefeiert werden soll. Ich ziehe den Blick von dem Bild auf dem Blatt wieder Richtung Flur und schaue in das gleiche Gesicht wie eben. Dirt rempelt mich aus dem Weg und eilt weiter, Dima im Schlepptau. Im Gegensatz zu Dirt bemerkt der mich jedoch und erinnert mich im Vorbeilaufen mit einem kurzen Wort an meine Pflichten. Überhaupt bemerkte ich erst jetzt die verstohlenen Blicke der Einwohner hier. Man kann es fast greifen, dieser schwelende Unmut hier. Erst im Bratwa Viertel ist alles wie immer und so stürzen wir gleich mehrere Dosen vom guten Zeug runter. Wir schlagen die Zeit tot und hoffen das der Mistkerl von Waffenhändler gleich wieder hinter seiner Theke steht. Und wir haben Glück, missmutig wie immer nimmt er unser Zeug in Begutachtung. Viel kriegen wir nicht, aber die Schulterstütze einer alten Kalaschnikow ist ihm doch tatsächlich ein noch älteres Zielfernrohr, welches genau an Docs altem Karabiner passt, wert. Mit dem Rest finanzieren wir unser Essen und zum zweiten Mal an diesem Tage gehts in die Kantine.
 
Einige der Paltrys sind auch schon hier und nach kurzen Gesprächen weiß ich auch warum: die Pulnomen Einnahme ist fällig. Heinrich lässt wieder eine Runde springen und frisch versorgt wollen wir den kurzen Weg zu unserem Fraß fortführen als der Doc plötzlich von Dr. Krüger weggezogen wird - ein Notfall keucht der und weg ist er. Zurück in die Krankenstation die plötzlich schwer bewacht ist. Ich dreh mich wieder um und sehe in einiger Entfernung schon einige Paltrys in der Kantine am Tisch sitzen. Muss ich halt mit den unseren Speisen sage ich mir und lasse mir durch den Koch meine kleine Emailleschüssel füllen. Beim dritten Einfüllen kommt der Doc aus der Krankenstation, verschwitzt und sehr viel blutverschmierter als vorher und setzt sich zu mir. Die anderen Paltrys sind schon lange weg und bevor er mir erzählt was da gerade los war knallt ihm der Koch seine Portion auf den Tisch. Kaum hat der Doc seinen ersten Bissen runtergeschluckt bekommen wir einen Gast an unseren Tisch geschoben. Ein Fuß steht in leicht unnatürlichem Winkel ab und beide Hände sind fast blau. Ich sehe viele Stiche die eine Naht rund um die Handgelenke bilden, so als ob hier Frankensteins Monster nachgebaut werden sollte. Unser Gast spricht nicht, steht noch unter starken Medikamenten. Dafür aber kann die Gestalt hinter der armen Seele reden und so kriegen wir von Dr. Krüger die Auflage uns um den armen Tropf zu kümmern bis er wieder ansprechbar ist. Der Doc lässt tatsächlich ein weiteres Essen kommen und füttert den Kerl auch noch. Nebenher erzählt er mir was es damit auf sich hat, und ich merke das mir mein eigenes Essen wieder hochkommen will.
 
Auf einmal steht Dima hinter den Rollstuhl und erklärt auf seine Weise warum der Kerl hier gefüttert werden muss. Erwähnt noch nebenbei das wir danach in die Bratwa kommen sollen - mit dem Rollstuhl und dem Häufchen Elend was auf einmal sehr unruhig wird. Der noch intakte Fuß versucht panisch den Rollstuhl in eine Richtung zu schieben die möglichst weit weg von Dima zeigt. Ruhig fasst dieser an die Bremsen und lässt diese einrasten. Und genauso ruhig verschwindet er auch wieder und die nackte Angst in den Augen unseres Gastes wird mehr und mehr.
 
 
Ist so ‘n Crawler Ding sagen wir uns und schieben dann den Typen durch die gesamte Kolonie in Richtung Bratwa Bar. Unterwegs schließt sich Dr. Krüger an, unterhält sich leise mit dem Doc und hat ein schiefes Lächeln auf den Lippen. Ich glaube er traut mir nicht, dem Doc dafür umso mehr. Denke mit Religion hat er es nicht so, aber damit ist er hier nicht alleine. Je näher wir dem Viertel kommen, desto unruhiger wird es im Rollstuhl. Die Medikamente hören wohl langsam auf zu wirken und schließlich stehen wir direkt an der Bar. Kein Dima weit und breit, aber lange bleiben wollen wir auch nicht. Und so zieht Dr. Krüger auf einmal 200 Crawler aus der Tasche und schmeißt für den nun fast panisch wirkenden Kerl eine Runde im Freudenhaus. Ein paar Russen umringen uns, wir lassen unseren Rollstuhlfahrer in ihrer behutsamen Obhut und verschwinden von hier. Die werden das schon richten sage ich mir, der Herr wird gnädig sein.
 
Während ich noch ein kleines Gespräch mit dem ansässigen Waffenhändler halte, zieht sich der Doc wieder in die Krankenstation zurück. Da muss was Wichtiges sein denke ich so bei mir, dieser Wissenschaftler hatte was vor und der Doc ist da schon mittendrin. Mir gefällt das nicht und ich schau den Waffenhändler direkt an, gebe einer kleinen inneren Stimme nach und erteile einen kleinen Auftrag für noch kleineres Geld. Meinem Gegenüber gefällt was ich möchte und erklärt er würde das auch umsonst machen. Das Geld nimmt er trotzdem. Ich wende mich ab und will hier nur noch raus aus dieser Kolonie der Verdammten. Soweit komme ich jedoch nicht, eine Familie zieht mich in die Wohnquartiere ins erste Stockwerk. Hier darf kein Paltry hin, das ist gesperrtes Gebiet für alle die nicht der Kolonie angehören. Sie reden sehr aufgeregt und trotzdem leise auf mich ein, wollen wissen wie diese Unbekannten - diese Rotmützen zu erreichen sind. Wie man Kontakt aufnehmen kann und dergleichen. Es gibt da Gerüchte erwidere ich und erinnere mich an den Vorabend in unserer kleinen verdreckten Paltrybar. Ich will da nicht mit reingezogen werden und trotzdem zeichne ich auf einer Karte ein, wo man eine geringe Chance hätte zumindest Nachrichten für diese Militärs hinterlassen zu können. Sie lassen mich wieder nach unten, zuvorkommend und auch um einige Crawler leichter und ich bemerke das mindestens drei zusammengehören. Zwei Brüder und ein Vater.
 
Nun aber will ich raus, endgültig. Bei den Paltrys stinkt es vielleicht, aber der Haufen hält wenigstens zusammen. Nicht so wie hier. Meine Aufgabe hier wird nicht einfach sein aber der Herr will alle einen und ich suche verzweifelt einen Weg dies zu tun. So in Gedanken merke ich nicht, dass 2 Paltrys in einer Auseinandersetzung mit dem Sicherheitsdienst stecken. So gehe ich Dummkopf direkt auf die Idioten zu und lande irgendwie im Koloniegefängnis. Der Sicherheitsdienst war sich gar nicht sicher ob sie einen Priester ins Loch stecken sollen, aber es gab wohl die Anweisung alle Paltrys wegzusperren. Warum weiß ich nicht, aber mir fällt etwas Wichtiges auf: Der Doc ist auch ein Paltry. Und er ist in der Kolonie. Und er ist nicht mit uns hier im Knast...
 
Santa Fu nennen sie es. Ein dunkler Raum, die Fenster mit Brettern vernagelt. Von der Decke baumelt ein Lampenkabel, kunstvoll zu einem Strick geflochten. Dem letzten der sich hier in den Tod gerettet hatte, habe ich die Sakramente gegeben. Das war hier fast mein erstes Geld was ich verdienen konnte, bei diesem von Bülow habe ich es persönlich geholt. Vor der Knast Tür sind mindestens zwei Sicherheitsmänner und einer meiner beiden Mitgefangenen wird nicht müde diese bis aufs Blut zu reizen. Ich weiß das er nicht die hellste Kerze vor dem Altar ist, aber für so dumm hab selbst ich ihn nicht gehalten. Die ohnehin schon nicht sehr geduldigen Wachen stürmen mehrmals in die Zelle, treten und beschimpfen uns, blenden uns und versuchen noch andere Sachen von denen nach dem Ende der Welt auf einmal so viel zur Selbstverständlichkeit gehören. Grausame Zeit denke ich, eine die das schlechteste aus einem zu holen vermag. Ich setze mich etwas abseits der beiden und höre der Stimme zu die ab und dann zu mir spricht.
 
Eine unendliche Zeit später betritt der Sicherheitschef persönlich die Zelle, flankiert von 4 weiteren Wachen und fängt an uns zu verhören. Wer war es, schreit er uns an. Ich hab das Gefühl ich bin hier nicht der einzige der absolut nicht weiß was, warum und wen er damit meint. Einige Schimpftiraden weiter schiebt sich noch jemand in die Zelle, beleidigt den Sicherheitschef und schlägt wahllos auf die beiden anderen Paltrys ein - Dirt persönlich hat sich der Sache angenommen und nun erweist es sich als Vorteil etwas weiter weg zu sitzen. Wir sollen hier verrecken schreit er uns alle an und stürmt wieder aus der Zelle. Nach einer Stunde in dem dunklen Loch bricht draußen die Hölle los. Schüsse peitschen und dass ein oder andere Geschoss schlägt von außerhalb an die Mauer der Kolonie. Ein Angriff wohl, nach der Intensität draußen sind es keine Paltrys. Wir haben nicht so viel Munition und nur für drei der Ihren riskieren die sicherlich nicht die Zufuhr vom Pulnomen. Also eine dritte Gruppe. Die Rotmützen - verdammt sollen sie sein, wenn die jetzt hier angreifen und den Abend zuvor bei uns in der Bar waren dann ist Vergeltung von Dirt sicher. Wir müssen hier raus bevor sich der Typ das alles zusammenreimen kann. Ich bete mal wieder, zum Herrn der mich bislang nicht sterben ließ und jemand zieht von außen den Sperrriegel der Zellentür auf. Verpisst Euch ist das einzige was wir zu hören bekommen und über schwerverletzte Wachmänner und den nun unbesetzten Kolonieeingang geht es hinaus in die Freiheit Richtung Paltrybar. Vielleicht ist es die nächste Zeit dort sicherer.
 
Mein Bein schmerzt. Die Suppe läuft mittlerweile an der Schiene herunter und meine beiden Paltrybrüder sind ohne zu zögern losgestiefelt. So bin ich nach kurzer Zeit alleine unterwegs. Ich versuche all die Ereignisse in meinen Kopf zusammen zu bringen aber es will mir nicht gelingen. Alle hier sind abhängig vom Serum und das Serum stellt die Kolonie her. Der einzige der sicher weiß wie es hergestellt wird ist Dr. Krüger und die Paltrys haben es wohl in der Vergangenheit geschafft mit geklauten Unterlagen aus den Schäring Laboren einen Verlängerer zu produzieren. Auf der einen Seite Sodom - auf der anderen Gomorra. Vielleicht ist es doch besser, wenn wir alle krepieren. Aber dann werden sie nicht den Weg des Herrn beschreiten, und jede verlorene Seele hier ist eine gewonnene für das Schlechte, das Böse in dieser Welt. Ich hebe den Kopf und blicke wieder etwas optimistischer in die Zukunft. Schaue dabei in der Ferne direkt auf die Einsatzwagen der Saviors die vor unserem Hauptgebäude stehen und auf die Gestalten die versuchen in unsere Bar einzudringen. Die werden doch nicht wegen uns da sein, sage ich mir, wir sind zu kleine Fische für diesen Aufwand. Ich lege mich in eine Deckung und beobachte bis zum Abzug der Kolonie-Cowboys das Geschehen. Man wurde sich wohl durch die schwer gesicherte Tür einig und die Fahrzeuge ziehen wenige Meter an mir vorbei, zurück in Richtung Kolonie hoffe ich.
 
 
Fünf Dosen Gesöff später wird es nicht besser. Die Paltrys liefern keinen Verlängerer mehr, das ist ist eigentlich unser Todesurteil. Denn im Gegenzug bekommen wir auch kein Serum - die Situation mit den Rotmützen spitzt sich zu, denn wenn Dirt schon auf diesen so wichtigen Zusatzstoff verzichtet ist die Kacke am Dampfen. Wir verbringen unsere Zeit damit, die Paltrybar zu sichern und bauen provisorische Barrikaden und kleine Stellungen rund um das Gebäude. Nur vorsorglich natürlich.
 
Die Paltrys erhalten eine letzte Chance und wir stehen zusammen mit Heinrich, der reichlich mitgenommen aussieht, erneut vor Crawler City und erwarten ein Treffen mit Dirt. Der kommt auch, zusammen mit einer Menge Saviors und Dima. Das Ganze droht zu eskalieren und erst als sich Dirt an Moskito abreagiert hat beruhigen sich die Gemüter. Doch Heinrich ist aus hartem Holz geschnitzt und kann Dirt eine weitere Zusammenarbeit abringen. Gleichzeitig schmuggeln wir jedoch eine Menge Verlängerer in die Kolonie um damit noch schnell etwas extra Geld zu machen. Der Doc macht es möglich das Zeug möglichst unauffällig in die Bestände der Apotheke zu integrieren und im Gegenzug das Koloniegeld zu schröpfen. Die ganze Zeit war der Kerl hier in der Kolonie, schwer bewacht damit er Dirt nützlich sein konnte.
 
Was Dirt jedoch nicht bedenkt, der Doc ist clever und auch Dr. Krüger ist nicht von schlechten Eltern. Nicht mehr lange und aus dieser ganzen Mischung hier wird ein Messwein an dem die Kolonieführung ersticken wird. Die jedoch will erstmal feiern, denn Dirts Geburtstag steht nun an. Ich schüttle meinen Kopf vor lauter Unglauben ob der Geschehnisse hier und wende mich wieder ab zum Gehen. Und stoße mit Dima zusammen. Eine Beichte hätte er nun für mich, da lastet wohl sehr viel auf seiner Seele und er braucht jemanden um das ganze loszuwerden. Und, viel schlimmer für mich, Dirt will mich sehen. Er hätte "Fragen". Ich befürchte schon, der Herr straft mich nun für Taten aus meiner Vergangenheit aber Dirt ist zugekokst und redet wirres Zeug während Dima hinter mir steht und als Leibwächter fungiert. Ich hab das Gefühl er wacht gerade mehr über mein Leben als das von Dirt. Mir wird der Schädel auf Dirts Schreibtisch vorgestellt und jetzt weiß ich das in dem Grab mit dem großen Kreuz eine Leiche ohne Kopf liegen muss. Zwei Schimpftiraden später lässt Dirt ab von mir, kotzt auf Jesus und auf seinen eigenen Teppich, verschwindet schließlich. Steht also noch Dimas Beichte an. In dem Gebäudetrakt finden wir eine Ecke die als Beichtstube geeignet scheint und einer kurzen sehr schweigsamen Minute in der Dima sich sammelt sprudelt sein Leben mit all seinen Sünden an mir vorbei.
 
Vieles habe ich erwartet, aber das nicht. Das was vor dem Ende der Welt passiert ist zähle ich kaum mit denn jeder hat Schmerzen erlitten und auch gegeben. Dima hat mehr gegeben als erlitten aber trotzdem ist er ein Mensch mit Prinzipien. Ich traue ihm jetzt ein wenig mehr denn nun erkenne ich das hier jemand sitzt der versucht seinen Weg in dieser neuen Welt zu gehen ohne sich von sich selbst zu entfernen. Lange sitzen wir schon hier und als Lärm vom unteren Stockwerk hochdringt, muss Dima los. Schauen ob seinem Schützling keine Gefahr droht. Mich lässt er nachdenklich zurück. Eine kleine Weile später setze ich mich in Bewegung, verlasse die Kolonie und ihre Sünden die nun dort zelebriert werden und sinke in der Paltry Bar in eine der durchgesessenen Couchen.
 
Komisch, der Doc und Dr. Krüger sind kurze Zeit später auch hier. Und schließlich wieder die Rotmützen. Mir dreht sich alles, das Bein fordert seinen Tribut - mal wieder. Ich glaube die Luft wird sehr schnell eng um Dirt und morgen wird wohl der letzte Tag seiner Herrschaft über Crawler City sein. Und ich glaube das es kein sauberer Abtritt sein wird. Sollte sich dem Doc und mir nach der Zeit Dirts eine Zukunft in der Kolonie offenbaren? Schon habe ich Pläne, wie ich dem Herrn nun wirklich seinen Willen erfüllen kann und lehne mich genüsslich zurück und lasse den Dingen am nächsten Tag seinen Lauf. Denn nach so kurzer Zeit haben wir beide einen Einfluss gewonnen der nach mehr schreit. Ich fürchte die Träume heute Nacht nicht, denn nun habe ich ein Ziel, eine Möglichkeit aus der Vergangenheit eine Zukunft zu errichten wie es sie für mich vorher nie gegeben hat. So fallen mir irgendwann die Augen zu und dann kommen sie wieder, die Träume.
 
Und doch habe ich wieder Angst.



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